Klosterbruder Wolfgang

Nachdem Emil Arnstadt und das Revier des Adlers Rapax hinter sich gelassen hatte, gewahrte er im Norden eine noch größere Stadt – Erfurt! Mit kräftigen Flügelschlägen steuerte er direkt auf einen Berg zu, wo ein kleines Menschlein gerade damit beschäftigt war, in einem Schlammloch zu wühlen. Emil flog langsam und leise heran und setzte sich unbemerkt neben den Mann, der mit einem löffelartigen Stiel in der klebrigen Masse rührte.

Was machst du denn da?“, fragte Emil unumwunden und hatte völlig vergessen, dass er sich den Menschen nicht zeigen sollte.

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Die ersten Flugstunden

Für die ersten Flugstunden hatte Professor Jakoble einen kleinen Felsvorsprung über der Höhle auserkoren. Emil kletterte geschwind darauf und wartete, was sein Lehrer ihm nun zeigen würde.

Dieser erklärte lang und breit und höchst wissenschaftlich die Grundlagen des Fliegens, wobei der Professor Wörter gebrauchte, die der kleine Drachen noch nie gehört hatte und gar nicht verstand. Dazu zählten Schlagflug, Gleitflug, Schwebeflug, Sturzflug und Anflug.

Kräh, kräh, und wenn du mit den Flügeln kräftig schlägst, müsstest du eigentlich vom Boden abheben und fliegen.“ Kaum hatte der Professor seine Ausführungen zum Thema Fliegen beendet, begann Emil kräftig mit den Flügeln zu schlagen. Je schneller er schlug, desto mehr Wind erhob sich in der Schlucht und mit einem mal – schwupp – rutschte er vom Vorsprung der Höhle ab und erhob sich in den Himmel.

Kräh, kräh, so schnell hatte ich mir das eigentlich gar nicht vorgestellt“, dachte Professor Jakoble und machte, dass er hinter seinem Flugschüler hinterherkam. Aber der war so schnell, dass der Professor ihn fast aus den Augen verlor und Mühe hatte ihm zu folgen.

Emil flog und flog und er tat es, als hätte er nie etwas anderes gelernt.

Juchuuuu!“, rief er. „Ich fliege!“

Allein in der Schlucht

 Als der kleine Emil aus seinem Schlaf erwachte, war er zunächst erstaunt. Der Sumpf war weg und kein fauliger Gestank zog mehr in seine Nase. Er befand sich in einer schmalen Schlucht mit steilen und hohen Steinwänden. Ein kleines Flüsschen, welches klares frisches Wasser führte, floss in der Mitte der Schlucht hindurch. Nun sah er sich erschrocken um. Das ist ja gar nicht unser Moor, dachte er, und Mama ist auch nicht zu sehen. Weiterlesen

Emils Mama

Hoch oben im rauen Norden, wo vor Urgroßväter Zeiten Wölfe und Bären in den Wäldern hausten und unheimliche Geister und Kobolde das Land heimsuchten, lebte in einem finsteren, fauligen Moor eine Drachenmutter mit ihrem Kind.

Emil und seine Mama im Sumpf

Emil und seine Mama im Sumpf

Der Vater des Kleinen, ein mächtiger Seedrache namens Kreator, war vor vielen Jahren von Wikingern gefangen worden und mußte seitdem einem grausamen Wikingerkönig dienen. Überhaupt waren fast alle Drachen, ob sie nun zu den Guten oder zu den Bösen zählten, von Rittern und anderen Helden, die sich stolz „Drachentöter“ nannten, ausgerottet. Die neunköpfige Hydra, die in den Sümpfen von Lerna hauste, wurde von Herakles besiegt und der aus Schlamm und Schleim erwachsene Python vom Gott Apollon mit tausend Pfeilen erschossen. Besonders übel erging es dem Drachen Fafnir, der von Siegfried erschlagen wurde und dem großen Recken als Braten gemundet hat.

So verwundert es nicht, dass unsere Drachenmutter aus Angst vor den Menschen ihr Drachenkind nahm und in einem üblen, brodelnden Sumpf Zuflucht suchte. Diesen Ort hatte bisher kein Mensch zu betreten gewagt.

Der Kleine wuchs heran und je älter er wurde, desto größer wurde sein Wissensdurst.

Eines Tages, er hatte wieder einmal ein gutes Dutzend Frösche verspeist, stellte er seiner Mutter folgende Fragen: „Mama, warum müssen wir eigentlich in diesem feuchten Moor leben? Können wir uns nicht einfach eine warme Höhle suchen? Und warum muß ich immer diese schleimigen Frösche essen? Ich denke, das machen nur die Franzosen?“

Die Drachenmutter wurde darüber sehr nachdenklich. Als Emil, so war sein Name, in ihren Armen eingeschlafen war, streichelte sie ihr Kind zärtlich über den Kopf und faßte einen schweren Entschluß.

Mein geliebtes Kind, dachte sie, ewig kann ich dich doch nicht in diesem Moor verstecken. Schon bald bist du groß und flügge und wirst in all deiner kindlichen Neugier die Welt entdecken wollen. Deine Zähne sind schon fest gewachsen, die Flügel stark. Feuer spucken lernst du schnell und fliegen auch. Ich hoffe, dir wird es nicht arg ergehen und es findet sich ein Wesen, das dich aufnimmt und – so es der Schöpfer aller Drachen will – zum guten Drachen erzieht.

An dieser Stelle muss gesagt werden, daß die Drachenmutter aus dem Geschlecht der Feuerdrachen stammte und über ganz besondere magische Kräfte verfügte. Dazu zählte auch, daß ein Wunsch, ein einziger Wunsch eines Feuerdrachens stets in Erfüllung geht. Die meisten Drachen behielten sich ihren Wunsch sehr lange auf. Manchmal viele hundert Jahre. Und auch unsere schlaue Drachenmutter hatte sich diesen einen Wunsch bis zum heutigen Tag aufgehoben.

Die Drachenmutter begann zu weinen, doch für ihren Liebling schien es ihr das Beste zu sein. Ein letztes Mal küßte sie ihr Kind auf die Stirn. Dann schloß sie ihre Augen und wünschte sich ihren kleinen Emil an einen Ort, an dem die Menschen die Drachen noch achteten und liebten. Sie selbst musste hier im Sumpf bleiben und auf Emils Vater warten, denn sicher würde der große Kreator eines Tages aus der Wikingergefangenschaft wieder heimkehren. Dann würden sie gemeinsam den kleinen Emil suchen und wären wieder eine glückliche Drachenfamilie.

Als die Drachenmutter ihre Augen nach einer Weile öffnete, war ihr Kind weg. Traurig und mit schwerem Herzen, aber in der Hoffnung, daß der Kleine nun in einem Land freundlicher Menschen friedvoll aufwachsen konnte, streckte sie sich lang aus, legte die Flügel an ihre Seiten und versank im Moor.