Leseprobe aus “Emil bei den Wikingern” – Emils Mama im Kampf mit Ragnar Lodbrok

Liebe Drachenfreunde! Hier präsentiere ich Euch eine weitere Leseprobe aus dem neuen Drachenbuch “Emil bei den Wikingern”:

Fast zur gleichen Zeit, als Thor mit dem großen Seedrachen rang, näherte sich eine kleine Flottile aus drei Wikingerbooten dem Drachenfjord. Bei den Seefahrern handelte es sich um eine ausgewählte Schaar verwegener Männer, angeführt von Ragnar Lodbrok. Die Männer langten kräftig in die Riemen, wie man die Ruder der Wikingerschiffe nannte. Sie wollten möglichst schnell anlanden, denn sie verfolgten einen wagemutigen Plan: Sie wollten einen Drachen fangen. Bei diesem Drachen handelte es sich – der Leser wird es ahnen – um Emils Mama. Was Ragnar und seine tollkühne Schaar nicht ahnte war, dass die Drachin ein Ei bewachte. Doch nicht nur das: ein kleiner Drache stand kurz vor dem Schlüpfen!

Drache2


Nachdem die Boote seicht in den Sand des Fjordes glitten und zum Stehen kamen, sprangen die ersten Wikinger von Bord. Ihre grimmigen Mienen verrieten Entschlossenheit. Lange Eschenspeere, breite Äxte und grellfarbige Rundschilde waren ihre Waffen. Einige von ihnen trugen Wolfspelze über den Schultern, wiedere andere die Häute von Bären. Berserker!
Ragnar Lodbrock hatte die wildesten und kampfmutigsten Männer um sich geschart. Sein Plan war einfach, wenngleich gefährlich: Er wollte mit Hilfe des gefangenen Drachen König aller Wikinger werden, alleiniger Herrscher des Nordens, Um diesem Ziel näher zu kommen, hatte er dem Gotte Thor geopfert, was nichts anderes bedeutete, dass er mit seinen Männern, eben jenen Berserkern, wochenlange Bier- und Metopfer brachte. Manche Geschichtsschreiber wollen wissen, daß Ragnar alleine tausend Ochsenhörner vollgefüllt mit Met alleine trank.
Dem Gotte Thor gefiel das Trankopfer, und er zeigte sich dem trinkfesten Lodbrok in menschlicher Gestalt als Wikinger. Beide kamen überein, jeweils einen der beiden Drachen zu zähmen: Thor wollte den großen Drachen angeln, ein göttlicher Sport, Ragnar gedachte den Drachen aus der Höhle zu locken und mittels eines festen Netzes aus Hirschleder zu fangen und gefügig zu machen.
Die stärksten Berserker schleppten also in aller Stille das schwere Ledernetz über den Eingang der Drachenhöhle. Einige postierten sich mit den langen Eschenspeeren links und rechts neben dem Höhleneingang. Ragnar selbst postierte sich breitbeinig davor. Er hielt nur eine lange Axt in.den Händen. Wollte er König werden und die Anerkennung seiner Männer erringen, mußte er den gefährlichsten Teil der Jagd alleine übernehmen.
Ragnar war ein Draufgänger, dabei schlau und einfallsreich.
“He, Ungeheuer, zeig dich,” rief er so laut er konnte, doch Emils Mama, die mit großer Sorge die Anlandung der Boote beobachtet hatte, zog sich noch tiefer in die Höhle zurück.
“Folgt mir, Männer, der Lindwurm fürchtet sich vor uns!”
Ragnar und seine Leute betraten die Höhle. Ihre Waffen hielten sie fest in der Hand.
Doch Lava ängstigte sich nicht vor den paar Menschlein mit ihren kleinen Holzspießen, sie fürchtete sich vielmehr um das Wohl des Dracheneies. Die schlaue Drachin hatte es zwar im Sand der Höhle vergraben, aber man konnte nie wissen, was geschehen würde.
Die Drachin sollte recht behalten. “Stoßt eure Speere in den Boden,” brüllte Ragnar, und fast schien es, als wüßte er vom Drachenei im Sand. Lava erschrak. Sie spieh eine gewaltige Feuerlohe auf die Männer und richtete sich auf. “Aha,” rief nun Ragnar, “da sind wir wohl auf den Nachwuchs gestoßen?!” Der Wikinger lachte höhnisch.

“Weiter, Männer, wir müssen das Ei finden!”
Die Wikinger stießen unaufhörlich ihre Speere in den Sandboden der Höhle, immer tiefer, immer schneller. Die Drachin mußte etwas tun. Sie richtete sich auf und ging feuerspeiend den ungebetenen Gästen entgegen. Ragnars Leute deckten sich mit ihren Schilden, Ragnar selbst rollte sich, den Feuerwalzen ausweichend, über den Sand.
Die Drachin wollte die Menschen aus der Höhle locken, doch sie ging in die Falle. Emils Mama war damals noch jung. Von der Hinterlist der Menschen hatte sie keine Vorstellung. Kaum war Lava aus der Höhle heraus, ließen die Wikinger das schwere, engmaschige Netz über sie fallen. Doch so sehr sie sich auch mühte, das Netz zu durchbeißen, es hielt. Niemand​ außer Ragnar wußte, daß er es von einem Zauberer aus Finnland hatte fest machen lassen. Und wie die Drachin sich im Netz verfing, stießen.die Suchenden in der Höhle auf das Drachenei. Es war nicht besonders groß, fast so groß wie ein Bierfaß. Sein Äußeres glich einem Schwanenei, es war hell und wirkte wie alle Eier, sehr zerbrechlich. Als Ragnar das Ei aus der Höhle ziehen ließ, stieß die Drachin einen furchtbaren Schrei aus, so wie ihn nur Mütter in größter Angst ausstoßen können.
“Na, da haben wir wohl den richtigen Fang gemacht,” rief Ragnar und baute sich neben dem Drachenei auf.
Doch die ganze Sache sollte noch dramatischer werden, denn kaum war der Mutter der Angstschrei entfahren, erhob sich ein riesiger Drachenkopf aus der See, ein schlangenhafter Leib wand sich über den Strand und zerschmetterte dabei eines der Wikingerboote wie einen morschen Baumstamm.
Thor war es nämlich nicht gelungen, seinen Hammer auf dem Kopf des Seedrachen brausen zu lassen. Hymir der Riese, dem die ganze Angelei den Schreck in die Glieder hatte fahren lasseen, hatte kurzerhand Thors Angelsehne gekappt und so dem Drachen an der Leine die Freiheit geschenkt. So schnell Kreator, so war sein eigentlicher Name, in Freiheit war, schwamm er in Windeseile zurück zum Drachenfjord.
Ragnar Lodbrock sah sich nun einem noch gefährlicherem Drachen gegenüber, dem Seedrachen, den alle für die Midgardschlange hielten. Selbst die Berserker wurden angesichts des riesigen Drachens etwas mutlos.
Doch Ragnar wäre ein schlechter Anführer gewesen, wenn er in diesem Augenblick keinen Ausweg oder ohne Plan gewesen wäre. Ragnar stellte sein rechtes Bein auf das Drachenei, hob die Axt und brüllte wie einer seiner lautstärksten Berserker: “Komme uns nicht näher, sonst zerschlage ich das Ei! Diene mir, und es soll leben. Auch die Gefangene gebe ich frei! Du aber dienst mir!”
Der Seedrachen heulte laut auf. Mit den vorderen Beinen grub er sich tief in den Sand. Seine dreigespaltene Zunge schoß weit aus seinem zähnegespickten Maul, aber alles Drohen war umsonst. Kreator, der König der Seedrachen, hatte sofort verstanden, daß er auf Ragnars hinterhältigen Handel eingehen mußte, wollte er seine Frau und sein Kind und damit seine Familie retten.
Mit tiefer seeiger Drachenstimme sprach er also: “Gut Ragnar, ich werde dir dienen, du aber gib meine Familie frei.”
“Schwöre mir Treue, Drache, und wage nicht, den Schwur zu brechen, wir werden sonst…”
“Wir Drachen brechen niemals einen Schwur, Ragnar!”
“Gut, so soll es sein!”
Und so kam es, daß Ragnar Lodbrock mit Hilfe des großen Seedrachens König aller Wikinger wurde. Hier endete die Geschichte des Bergtrolls.

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