Das Mausl – eine neue Geschichte zum Vorlesen

Emils Freundin ist `ne Maus,
lebt in einem Baum als Haus.

Sturmwind warf das Häuschen um.
Emil schlich darum herum.

„Hast du mein Hausl umgeschubbst?“,
fragt die Maus gar sehr verdutzt.

„Nein hab ich nicht,“ der Emil spricht,
„das war der Wind, ganz geschwind!

Doch sag, wie heißt du kleine Maus?
Siehst so klug und freundlich aus.“

„Mausl heiß ich, grüner Wicht!
Fürchte mich vor dir gar nicht!“

ratten

„Mausl, lass uns Freunde sein!
Ich bin hier doch auch allein.“

Emil sieht die Maus groß an.
„Dann heb hoch des Baumes Stamm!“,

piepst das Mausl fröhlich, frei,
und flugs springt Emil schon herbei.

Drachenstark und ratz die fatz
ist der Baum an seinem Platz.

„Emil! Du bist ein starker Drachen!“,
piepst das Mausl und beide lachen.

Das Mausl

Wenn das erste Viertel des Jahres vorüber ist, weiß die Natur oft immer noch nicht, was sie will. Manche Leute sagen sogar, sie spielt verrückt. So kann es passieren, dass auf strahlenden Sonnenschein dichter Schneefall, auf wohlige Wärme bittere Kälte, Regen, Hagel und Sturmwinde folgen. Und während sich die meisten Tiere bei Sturm und Ungewitter ängstlich in ihre Höhlen, Baue und Nester verkriechen, liebt der Drachen Emil die unbändigen Naturgewalten, wenngleich sie selbst für einen Drachen gefährlich werden können.
So ein Ungewitter tobte auch in dieser Nacht. Ein orkanartiger Wirbelsturm fegte übers Land und berührte mit seinen luftigen Windhänden das Moor, die Wiesen und die angrenzenden Wälder.
Emil lag reglos im Moorsee und ließ sich lediglich von den Wellen treiben, die der Sturm hervorrief. Äste brachen und flogen durch die Luft, ja es herrschte ein Rauschen und Dröhnen, wie man es nur selten hört. Emil, dem das Geschaukel der Wellen ein ums andere Mal das Moorwasser in die Nase laufen ließ, beschloß an Land zu schwimmen.
Seine Mama, die sich tief im Schlick des Moores vergraben hatte, sah nur noch mit dem Kopf daraus hervor. Keinen Wimpernschlag ließ sie ihren kleinen Liebling aus den Augen.
Gerade als Emil das Ufer des Moorsees erstiegen hatte, krachte es gewaltig am Rand des Waldes. Der Sturm hatte einen Baum samt Wurzel aus der Erde gerissen und umgeworfen.
‚Das muß ich mir ansehen‘, dachte Emil und marschierte in Richtung Waldkante. Doch je näher er dem entwurzelten Baum kam, umso heftiger wurde der Sturm. Emil beschloß erst einmal sich in einer Erdkuhle niederzulegen. Flach auf den Boden gepreßt beobachtete er das stürmische Naturschauspiel. Als es schließlich im ersten Morgengrauen langsam abzuflauen begann, erhob sich unser Drachenkind und watschelte zu dem gefällten Baumriesen.
Es war eine uralte Fichte, die den Kräften des Sturms nachgegeben hatte und fast schien es, als hätte der Wind genau sie ausgesucht und sich einen Spaß daraus gemacht, sie umzuwerfen.
Emil legte sich vor der Wurzel, in der zahlreiche Steine klemmten, nieder. Dann sah er neugierig in die kleinen Gänge, die sich vor ihm im Erdreich befanden. Das ging eine Weile so und fast zeitgleich mit dem ersten Sonnenstrahl, der sich durch die abziehenden Regenwolken zwängte, streckte eine winzige Maus ihren Kopf heraus.
Das Mäuschen sah unseren Emil zuerst nicht, dann aber erblickte sie den großen Grünen, setzte sich auf ihren geringelten Schwanz, stemmte ihre kleinen Mäusehände in die Seite und rief furchtlos: „Hast Du Dummkopf unseren Baum umgeschubst?“
Emils Drachenherz fing wild zu klopfen an.
„Nein, habe ich nicht“ antwortete er etwas erschrocken.
„Doch hast Du! Ich habe es genau gesehen!“ piepste die Maus unerschrocken, „Du solltest dich was schämen!“
Plötzlich tauchte neben der kleinen Maus eine zweite, etwas größere auf. „Mausl, was schimpfst du denn wie ein Rohrspatz?“ fragte sie.
„Der hat unseren Baum umgeschubst!“ rief die mit Mausl angesprochene Maus immer noch empört. Die zweite Maus sah zu Emil. „Bei allen Käselöchern dieser Welt, Mausl, das ist der Drachen Emil, von dem ich dir erzählte habe. Sei doch still, sonst frißt er uns!“
Mausl verzog ihr kleines Mäuschengesicht. „Erich, du bist ein Hasenfuß. Ich weiß, wer er ist und wenn er zehnmal ein feuerspuckender Drachen ist, gibt ihm das noch lange nicht das Recht, unseren Baum umzuschmeißen.“ Mausl sah noch immer zornig auf Emil, der sich langsam aufrichtete. „Jetzt spuckt er gleich Feuer“, piepste Erich ängstlich, „schnell Mausl, komm ins Mäuseloch zurück. Papa und Mama suchen uns bestimmt schon.“ Und kaum hatte Erich das gesagt, war er schon im Mäuseloch verschwunden.
„Ich habe keine Angst vor dir“, piepste Mausl und blieb auch noch sitzen, als sich Emil mit der Drachennase ganz nahe zu der Maus niederbeugte. Mausl sah dem Drachen furchtlos in die großen Augen, wenngleich ihr kleines Herzchen pochte und pochte.
„Ich bin Emil, der Drachen, und ich bin ein Freund aller Tiere. Ich habe den Baum nicht umgeworfen, das war der Sturm.“
„Na gut!“ piepste Mausl, „aber wehe, du spuckst Feuer!“
„Hm“, fauchte Emil verlegen, „das kann ich noch nicht.“
„Aber das habe ich bei dir doch schon gesehen!“
Emil richtete sich auf. „Das ist kein Feuerspucken. Das geschieht, wenn ich pupsen muß.“
„Hi, hi, hi,“ das Mausl lachte, „du kannst Feuer pupsen?“
„Ja, ganz gewaltig sogar.“
„Das ist lustig,“ sagte das Mausl, „wir sollten einen Wettbewerb veranstalten. Mein Bruder Erich kann nämlich auch gewaltig pupsen. Warte hier, Emil, ich hole die anderen.“ Und noch ehe sich Emil versah, war das Mäuschen Mausl im Mäuseloch verschwunden. Tief in der Erde, in der Stube der Mäusefamilie, erzählte das Mausl voller Begeisterung von ihrem neuen Freund, dem Drachen Emil, der sogar Feuer pupsen konnte.
„Kommt mit hoch“, rief das Mausl, „und laßt uns einen großen Pupswettbewerb veranstalten!“

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