Tröpfel – eine neue Emilgeschichte

Es war an einem wunderschönen Tag im Frühling. Ja, es war der erste Frühlingstag überhaupt. Die Sonne schien und brachte den letzten Raureif zum Schmelzen.
Der kleine Emil watschelte vergnügt über die Moorwiese und erfreute sich an den vielen weißen Blümchen, die hier und da mutig ihre Köpfchen aus der Erde steckten. An einem Schneeglöckchen verwandelten sich gerade Raureifkristalle zu Wassertropfen.
„Das ist erstaunlich“, dachte Emil, „das Eis kann sich verwandeln.“
Emil fing einen Wassertropfen, der gerade von einem Blatt rutschen wollte, mit seiner Drachenkralle auf. Dann schärfte er seine Augen und sah sich das Tröpfchen genau an.
„Nicht auflecken!“, rief es plötzlich.
Emil sah sich um.
„Ich, ich habe dich gerufen“, kam es aus dem Regentropfen.
„Du kannst sprechen?“, fragte der kleine Drache ungläubig.
„Na, du kannst es doch auch.“
„Stimmt. Hast du auch einen Namen?“
„Na klaro! Ich heiße Tröpfel, Regentropfen in höherem Dienst!“
„Was es für wunderbare Dinge gibt“, flüsterte Emil, um den kleinen Kerl nicht zu erschrecken.
„Ich bin kein Ding!“, polterte daraufhin der Kleine los, „ich bin Leben und ich bin unzerstörbar!“
Tröpfel, der Regentropfen in höherem Dienst, glitt über Emils Kralle.
„Dann bist du uralt?“
„Ja, und ich habe schon viel gesehen.“
„Was denn so alles?“ Emil legte sich behaglich auf einen bemoosten Hügel, den sprechenden Regentropfen vorsichtig in der Drachenhand haltend.
„Alles! Die Erschaffung der Welt und des Lebens.“
„Die Erschaffung des Lebens?“ Emil sah nachdenklich in Tröpfels klares Gesicht.
„Ja, ohne uns kein Leben“, antwortete Tröpfel und winkte mit den Händen einen zweiten Regentropfen herbei.
„He, Richard, hast du Tropfine gesehen?“
Richard, auch kurz R 1212 genannt, landete behutsam neben Tröpfel. Er hatte sich von einem Zweig herab auf Emils Stirn fallen lassen.
„Leider nicht, Tröpfel“, antwortete Richard, „es kann sein, daß Tropfine schon wieder verdunstet ist.“
„Weißt du wohin?“
„Nein, aber heute Abend soll weiter oben im Norden ein Regenguss runtergehen. Kann sein, daß sie dort mitregnen will.“
„Dann sollten wir auch verdunsten“, sagte Tröpfel und recke sich kühn der Sonne entgegen, bereit für ein neues Abenteuer.
„Halt, warte Tröpfel“, fauchte Emil aufgeregt. „Weißt du, was aus meinem Papa geworden ist?“
Doch Tröpfel, schon zur Hälfte in feuchte Luft zerfallen, winkte nur kurz und dunstete eilig davon.
„So schnell kommt und geht das Leben“, dachte Emil und drehte sich auf den Rücken, um sich ein bisschen den Bauch zu wärmen.

Ein Gedanke zu „Tröpfel – eine neue Emilgeschichte

  1. Tropfig, tropfig, lieber Michael, oder wie es bei den Tröpfeln heißt :“Tropfen steckt an“.
    Da wird sich noch etwas Thüringenweites zusammentröpfeln müssen. Ich bin schon dabei, Tropfen zu sammeln.
    Beste Grüße von R1212A!

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